„Shared Frequencies James Tenney – Full Immersion“

Samstag, 10. Oktober 2026 19:00 – Eintritt frei

Baptistenkirche Wedding, Müllerstraße 14a, Berlin-Wedding (nahe S-/U-Bf Wedding)

Quelle: https://blogthehum.com/2016/05/31/james-tenneys-postal-pieces/

Das Projekt verbindet Amateur-Musiker:innen des KNM campus ensembles und des Profi-Ensembles KNM Berlin mit Tänzer:innen, einer bildenden Künstlerin sowie weiteren Amateurmusiker:innen und dem Publikum zu einem interdisziplinären, partizipativen Klangerlebnis. Im Mittelpunkt stehen die „Swell Pieces“ von James Tenney (1934 – 2006). Die Stücke erscheinen als scheinbar statische Klangintervalle, sind jedoch durch das permanente Spielen der Mitwirkenden in der Tonhöhe in minimaler Bewegung – ein sich stetig wandelndes Klangbild, das nie vollkommen gleich bleibt. Diese feinen Veränderungen ermöglichen einen niederschwelligen Zugang zu zeitgenössischer Musik und machen Hören als aktiven, körperlich verankerten Prozess erfahrbar.

Der Raum in der Baptistenkirche in Berlin-Wedding wird als begehbare Klanginstallation gestaltet. Auf Sockeln verteilte, klingende Objekte – darunter Gläser, Glocken und weitere leicht spielbare Klangkörper – sind gezielt auf die gespielten Töne gestimmt. Sie laden das Publikum zur aktiven Teilnahme ein. Unter Anleitung der beteiligten Musiker:innen werden einfache Spiel- und Höranweisungen vermittelt, die auch musikalisch unerfahrenen Teilnehmenden eine Mitwirkung am gemeinsamen Klangfeld ermöglichen. Die Grenzen zwischen Ausführenden und Publikum werden bewusst geöffnet.

Das kollektive Klanggeschehen wird durch kurze improvisierte Duo-Interventionen von Musiker*innen des Ensemble KNM Berlin gerahmt, die im Raum verteilt agieren und mit dem Stück „Spots“ von Frederic Rzewski Orientierungspunkte setzen. Die Tänzer:innen übernehmen eine vermittelnde Rolle, indem sie das Publikum durch Bewegung, räumliche Wahrnehmung und körperliche Erfahrung an das musikalische Geschehen heranführen.

Ergänzend ist ein weiteres künstlerisches Element integriert: Unter Anleitung von zwei bildenden Künstler*innen arbeitet das Publikum gemeinsam an einem großformatigen Gemälde. Die Künstler*innen spiegeln dabei die musikalischen Schwingungen der Intervalle visuell. Das entstehende Bild fungiert als kollektive Spur des gemeinsamen Klang- und Bewegungserlebnisses. Das Projekt versteht sich als Vermittlungsformat zwischen
zeitgenössischer Musik und breiter Öffentlichkeit und schafft einen offenen Erfahrungsraum für gemeinsames Musizieren, Hören, Bewegen und Gestalten.

Künstlerische Leitung Rebecca Lenton

KNM campus ensemble
Helgard Most, Kerstin Schilling: Querflöte
Stephan Hüsch: Klarinette
Damaris Härtl-Glöckner: Posaune
Cornelius Schlicke: Cello
Robert Schneller-Wendelborn: Bass
Marion Tamme de Aquista: Gesang

Musiker*innen KNM Berlin
Theo Nabicht: Bassklarinette
Theodor Flindell: Violine
Kirstin Maria Pientka: Viola
Cosima Gerhardt: Violoncello
Jonathan Heilbron: Kontrabass

Künstler*innen: Isabel Bahiana, Antonio Castello

Tänzer*innen: Marc Nukoop, Antje Penz


Die Swell Pieces von James Tenney (1934 – 2006) gehören zu seinen bekanntesten Werken der experimentellen Musik. Sie basieren auf einem einfachen Prinzip: Ein einzelner Klang oder ein Klangfeld wächst allmählich in seiner Lautstärke an (Swell), erreicht einen Höhepunkt und klingt anschließend wieder ab. Durch diese langsamen dynamischen Veränderungen rücken die feinen Eigenschaften des Klangs – etwa Obertöne, Schwebungen und die Wahrnehmung von Zeit – in den Mittelpunkt. Anstelle traditioneller Melodie oder Harmonie erforscht Tenney die Wahrnehmung von Klang selbst und schafft so eine intensive, meditative Hörerfahrung.

Sie sind Teil des Zyklus Postal Pieces, die zwischen 1965 und 1971 entstanden und aus elf kurzen, offenen Partituren („Scorecards“) bestehen. James Tenney verschickte sie ursprünglich als Postkarten an Freunde und Kollegen wie Pauline Oliveros, La Monte Young, Alison Knowles, Harold Bud, Philip Corner, Max Neuhaus oder Malcolm Goldstein verschickte. Die bewußt knapp gehaltenen Scorecards lassenden Ausführenden große interpretatorische Freiheit.

James Tenney war ein Pionier auf dem Gebiet der elektronischen und der Computer-Musik und arbeitete in den frühen 1960er Jahren in den Bell Telephone Laboratories an der Entwicklung von Programmen zur computergesteuerten Klangsynthese und Komposition. In diesen Jahren pflegte James Tenney einen engen Kontakt zu der sogenannten New Yorker Avantgarde (John Cage, Morton Feldman, Earle Brown). Er war Mitbegründer und von 1963 bis 1970 Leiter des Tone Roads Chamber Ensemble in New York City, das mit elektroakustische Musik experimentierte. Zu der Gruppe gehörten außer James Tenney auch Philip Corner und Malcolm Goldstein. Ihr Stil war „legendär, bisweilen schroff, nur nicht massenkompatibel“. (taz).

Tenney komponierte sowohl für Instrumente als auch für elektronische Klangerzeuger, häufig unter Verwendung alternativer Stimmungssysteme. In seiner viel beachteten theoretischen Schrift „Meta/Hodos“, die 1961 erschien, entwickelte er eine neue Methode der musikalischen Analyse. Mit seinen umfassenden musikalischen Forschungsarbeiten vor allem auf dem Gebiet dermikrotonalen Harmonik und Akustik wurde er zu einem der „wichtigsten und unterschwellig einflussreichsten Komponisten und Lehrer seiner Generation“. (NZZ)

Als einige seiner vielen Einflüsse nennt er neben Cage und Varèse Charles Ives, Carl Ruggles, sowie „europäische Komponisten“ wie Arnold Schönberg, Anton Webern, Igor Strawinsky und Béla Bartók. Tenneys Idee von Komposition wird von ihm selbst als „organizing sound, or organizing situations where sounds will be produced“ umschrieben: „There aren’t any rules anymore. There are conditions, there are relationships that can be pointed out, there are situations, where, if you choose a, that means you are not going to be able to have b. You can’t have everything at once. The notion of a rule based creative process is an old fashioned one, that we don’t adhere to hear.“ (Quelle: Wikipedia)

Frederic Rzewski (1938 – 2021) war ein US-amerikanische Komponist und Pianist, der als einer der bedeutendsten amerikanischen Komponisten und Pianisten seiner Zeit gilt. Viele von Rzewskis Werken sind von weltlichen und gesellschaftshistorischen Themen inspiriert, zeugen von einem ausgeprägten politischen Bewusstsein und enthalten improvisatorische Elemente. 1966 gründete Rzewski gemeinsam mit Alvin Curran und Richard Teitelbaum die Gruppe „Musica Elettronica Viva“. „Musica Elettronica Viva“ verstand Musik als kollektiven, gemeinschaftlichen Prozess, bei dem Improvisation und Live-Elektronik eine herausragende Rolle spielten. Frederic Rzewski Unterrichtet hat er unter anderem in Yale, am California Institute of the Arts und an der University of California, an der Berliner Hochschule der Künste und an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Bis zu seiner Emeritierung 2003 war er Professor am Konservatorium in Lüttich.

Seine Komposition „Spots“ entstand 1986 als kammermusikalisches Werk für offenes Ensemble. Er komponierte es für das US-amerikanische Ensemble „Zeitgeist“. Das Stück besteht aus 13 einminütigen Stücken, die in beliebiger Reihenfolge gespielt werden können, von einer beliebigen Kombination von Instrumenten. In der Anweisung zum Stück gibt er an, dass die Stücke nicht als Einheit aufgeführt werden müssen, sondern in ein Konzert eingestreut werden können, wie Fernsehwerbespots, die eine ansonsten durchgehende Show durchbrechen.

Für das aktuelle Konzerte durchbrechen die „Spots“ die „Swell Pieces“ von James Tenney.

(Quelle: Wikipedia, Partitur „Spots“)